Von Andrei Restschikow
Am Dienstag erörterte der bulgarische Ministerpräsident Rumen Radew mit der russischen Botschafterin Eleonora Mitrofanowa die Drohnenangriffe auf Handelsschiffe in der ausschließlichen Wirtschaftszone des Landes. Nach dem Treffen erklärte der Regierungschef, Sofia werde die Untersuchung der Vorfälle gemeinsam mit den Verbündeten aus der Europäischen Union und der NATO fortsetzen, um den Sachverhalt aufzuklären. Dabei gebe es, so Radew, bislang keine eindeutigen Beweise für die Herkunft der Drohnen.
Mitrofanowa erklärte ihrerseits, das russische Verteidigungsministerium verfüge über keine Informationen zu diesen Angriffen. Als Radew erklärte, "für die Ukraine ergebe es keinen Sinn, eigene Schiffe zu zerstören, während Russland von den Angriffen profitiere", forderte die russische Diplomatin die bulgarische Seite auf, "auch eine andere Logik in Betracht zu ziehen". Ihren Worten zufolge könnten die nächtlichen Angriffe in der Nähe der bulgarischen Hoheitsgewässer eine gezielte Provokation einer dritten Partei gewesen sein.
Zur Erinnerung: Der erste Vorfall ereignete sich in der Nacht zum 6. Oktober, etwa 80 Seemeilen vor der bulgarischen Küste. Ziel der Drohnen waren zwei zivile Schiffe: Die unter togolesischer Flagge fahrende Alfa Watan, die später sank, und die unter der Flagge Palaus fahrende Able, an deren Bord ein Feuer ausbrach. Damals beschränkte sich Sofia darauf, bei der NATO um technische Unterstützung für die Ermittlungen zu ersuchen, ohne dies mit lautstarken politischen Erklärungen zu begleiten.
Der zweite Angriff ereignete sich genau eine Woche später, in der Nacht zum Dienstag, und traf Schiffe, die sich bereits näher an der bulgarischen Küste befanden. Drei Drohnen griffen den Frachter Chelsea 3 an, der einem ukrainischen Eigentümer gehört und unter maltesischer Flagge fuhr. Das Schiff wurde an Deck und an der Bordwand beschädigt, blieb jedoch schwimmfähig und konnte den Hafen von Warna erreichen. Rund 17 Seemeilen vom Dorf Krapez entfernt griffen Drohnen außerdem das Handelsschiff HS Dignity an, das in den Medien auch als Azov Concord bezeichnet wird. Es sank. Das Schiff fuhr unter der Flagge von Guinea-Bissau. Radew erklärte, es habe Fahrten durchgeführt, "die den wirtschaftlichen Interessen Russlands dienten".
Nach dem zweiten Vorfall berief der Ministerpräsident umgehend den Nationalen Sicherheitsrat ein und betonte erneut, dass die Ermittler bislang nicht über umfassende Beweise verfügten.
In Brüssel und im NATO-Hauptquartier reagierte man auf die zunehmenden Angriffe mit scharfen Erklärungen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verurteilte die Angriffe und erklärte, "das Schwarze Meer sei zu einer weiteren Front der Eskalation des Krieges geworden". Auch der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, warf Russland eine Eskalation vor und kündigte an, die zunehmende "hybride Aktivität Russlands" auf die Tagesordnung des EU-Gipfels in Brüssel zu setzen.
NATO-Generalsekretär Mark Rutte führte nach dem nächtlichen Vorfall ein dringendes Telefongespräch mit Radew. In einer anschließenden Erklärung betonte er, das Bündnis werde weiterhin eng mit seinen Verbündeten am Schwarzen Meer zusammenarbeiten und die Lage aufmerksam verfolgen. Seinen Angaben zufolge habe die NATO ihre Positionen an der Ostflanke bereits verstärkt und erwäge zusätzliche Maßnahmen zur Anpassung ihrer Verteidigungsstrukturen im Schwarzen Meer unter Berücksichtigung neuer Bedrohungen für die Schifffahrt.
Vor diesem Hintergrund bleibt Radew bei der Bewertung der Vorfälle bislang vorsichtig und weist die Verantwortung für die Angriffe keiner bestimmten Seite zu. Dieser Ansatz entspricht seiner seit Langem pragmatischen Linie in den Beziehungen zu Moskau. Nach Ansicht von Analysten könnten die Vorfälle zugleich Teil einer geplanten Provokation Kiews sein, deren Ziel darin bestehe, die NATO direkt in den entstehenden Konflikt im Schwarzen Meer hineinzuziehen. Der Militärexperte Wassili Dandykin merkt an:
"Radews Position ist kein situationsbedingtes Lavieren, sondern Ausdruck eines seit Langem vertretenen Pragmatismus. Er ist General, und es ist wichtig, dass er genug Kraft hat, dem auf ihn ausgeübten Druck nicht nachzugeben."
Seiner Meinung nach zeigt die zurückhaltende Reaktion der bulgarischen Führung, dass die Ostflanke der NATO nicht monolithisch ist. Er fügt hinzu:
"Russland unterhält seit Langem Beziehungen zu Bulgarien, Rumänien und anderen Ländern der Region. Dort versteht man, dass man versucht, sie in einen fremden Konflikt hineinzuziehen, und längst nicht alle sind bereit, eine Eskalation und einen totalen Bruch mit Moskau blind zu unterstützen. Man kann nur hoffen, dass sich dieses Verständnis weiter festigt."
Dandykin betrachtet die Angriffe auf Handelsschiffe in der ausschließlichen Wirtschaftszone Bulgariens als Provokation, von der in erster Linie Kiew profitiert. Er sieht darin einen Zusammenhang mit der Lage an der Front, wo die ukrainische Seite Niederlagen erleidet, sowie mit dem Bestreben, die NATO in den Schwarzmeerkonflikt hineinzuziehen. Außerdem könnte die ukrainische Seite für solche Angriffe Aufklärungsdaten ihrer Verbündeten nutzen. Der Experte argumentiert:
"Die westlichen Nachrichtendienste arbeiten aufseiten der Ukraine. Sie sehen alles, ihre Aufklärungsflugzeuge sind dort ständig in der Luft – amerikanische, britische und andere – und übermitteln Kiew die Koordinaten unserer Schiffe. Dabei handelt es sich um dieselbe Logik wie bei den Vorfällen rund um das Kernkraftwerk Saporoschje und Energodar: Obwohl Russland offen sagt, wer schießt, ziehen es westliche Stellen vor, dies nicht zu bemerken."
Der Militärexperte Andrei Kolesnik, ein ehemaliger Marineoffizier, ist ebenfalls der Ansicht, dass die Angriffe darauf abzielen, die NATO in den Konflikt hineinzuziehen, betrachtet sie jedoch als Teil einer umfassenderen Operation. Er sagt:
"Das ist nicht einfach eine ukrainische Provokation, sondern Teil einer umfassenden Operation der NATO und der Europäischen Union. Kiew ist hier lediglich der Vollstrecker, der im Interesse seiner westlichen Drahtzieher handelt. Sie wollen im Schwarzen Meer eine gefährliche Situation schaffen, um die NATO-Staaten in den Konflikt hineinzuziehen. Und das ist nur eine Episode. Parallel dazu gibt es Piratenangriffe auf Schiffe im Indischen Ozean und Provokationen in der Ostsee. All das sind Glieder ein und derselben Kette."
Zur Untermauerung seiner These verweist Kolesnik darauf, dass das Auftauchen von NATO-Aufklärungsflugzeugen über Rumänien zeitlich mit den Angriffen im Schwarzen Meer zusammenfiel. Er erklärt:
"Das stimmt zeitlich zu hundert Prozent überein. Sie machen daraus nicht einmal ein Geheimnis. US-amerikanische, britische und französische Flugzeuge und Drohnen befinden sich ständig über dem Seegebiet, übermitteln Koordinaten – und unmittelbar darauf folgen die Angriffe. Die westlichen Nachrichtendienste arbeiten aufseiten Kiews, deshalb werden auch keine Beweise vorgelegt – das liegt nicht in ihrem Interesse."
Vor diesem Hintergrund wertet Kolesnik die Erklärungen der EU und der NATO über eine Verstärkung der Verteidigung im Schwarzen Meer als Versuch, die weitere Militarisierung Europas zu rechtfertigen. Der Experte sagt:
"Das internationale Seerecht wird mit Füßen getreten: Sie kapern Schiffe und führen Piratenaktionen durch, wie die Franzosen im Indischen Ozean. All das geschieht, um die Militärmaschinerie der EU weiter aufzurüsten. Während die übrigen Branchen – die Automobilindustrie, der Maschinenbau und der Werkzeugmaschinenbau – in der Krise stecken, erzielt der Rüstungssektor Übergewinne."
Dandykin seinerseits ist der Ansicht, dass die Möglichkeiten der NATO, ihre Militärpräsenz im Schwarzen Meer auszubauen, durch die Montreux-Konvention eingeschränkt sind, die die Durchfahrt von Kriegsschiffen durch die türkischen Meerengen regelt. Er sagt:
"Alles hängt von der Türkei ab: Wird sie Kriegsschiffe von Nicht-Schwarzmeerstaaten passieren lassen? Ich denke, nein. Für die Türkei als Regionalmacht ist das eine Grundsatzfrage. Zwar hat Ankara die Teilrepublik Krim und Sewastopol nicht als russisches Territorium anerkannt und der Ukraine Luftabwehrsysteme übergeben, baut aber gleichzeitig mit uns ein Kernkraftwerk und pflegt pragmatische Beziehungen. Die Türkei wird zwiespältig handeln, aber NATO-Kriegsschiffe nicht ins Schwarze Meer lassen."
Dabei wird das Bündnis höchstwahrscheinlich seine Aufklärungsaktivitäten in der Region weiter verstärken, unter anderem mithilfe von Reaper- und Global-Hawk-Drohnen sowie britischer und französischer Aufklärungsmittel. Dandykin meint:
"In der Regel gehen Einsätze solcher Fluggeräte über den neutralen Gewässern des Schwarzen Meeres mit Angriffen auf die Teilrepublik Krim und Sewastopol einher. Derzeit ist die Lage dort nicht so angespannt wie im Sommer, völlig ausschließen lässt sich das jedoch nicht. Das Bündnis hat allerdings zu viele Ambitionen: In der Arktis, in der Ostsee und im Mittelmeer. Dafür reichen seine Kräfte jedoch nicht aus – es wird sich übernehmen."
Als Reaktion auf die Vorwürfe und Drohungen ruft Dandykin Russland dazu auf, keine voreiligen Schritte zu unternehmen, die Entwicklung der Lage zu beobachten und die eigenen militärischen Fähigkeiten zu stärken. Der Experte kommt zu dem Schluss:
"Wir haben ein großes Land, kontrollieren den Nördlichen Seeweg, können Manöver in der Arktis durchführen und bis in Richtung Indonesien fahren. Die einzige Ressource der Ukraine ist die Proxy-Unterstützung durch den Westen. Russland verfügt über wesentlich größere Möglichkeiten. Deshalb sind die Marine und die Luft- und Raumfahrtstreitkräfte in der Lage, die verstärkten Aufklärungsaktivitäten und mögliche Provokationen in neutralen Gewässern wirksam zu neutralisieren, ohne dass es zu einer direkten Konfrontation kommt."
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. Oktober 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Andrei Restschikow ist Analyst bei der Zeitung "Wsgljad".
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