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Guide Michelin kippt Nachhaltigkeitsstern: Wokeness auf dem Rückzug?

Sechs Jahre lang zierte er Speisekarten als Symbol für grünes Gewissen. Nun gibt Michelin die Auszeichnung mit dem "Grünen Stern" auf. Ist das mehr als ein kulinarisches Randphänomen?
Guide Michelin kippt Nachhaltigkeitsstern: Wokeness auf dem Rückzug?

Der Guide Michelin ist seit mehr als einem Jahrhundert die unbestrittene Autorität in der Haute Cuisine. Nun verabschiedet er sich von einer rezenten Ergänzung seiner Auszeichnungspraxis: dem Grünen Stern. Sie wurde seit 2020 an besonders nachhaltige Restaurants vergeben. Nun wird er schrittweise eingestellt – alle aktuell ausgezeichneten Betriebe verlieren ihren Status bis Ende 2026.

Nun also doch: ein leiser Rückzug

Die Entscheidung folgt auf Monate der Spekulation. Im Oktober des vergangenen Jahres hatte Foodjournalist Nicholas Gill auf seinem Substack-Kanal berichtet, Michelin habe den Grünen Stern still und heimlich von seiner Website entfernt und aus der Suchfunktion gelöscht. Michelin bestritt das damals – und bestätigte die Abschaffung nun doch.

In seiner offiziellen Mitteilung begründet der Guide Michelin den Schritt damit, der Grüne Stern sei "auf die Kulinarik beschränkt" gewesen. Mit der Expansion des Guides in die Bereiche Hotellerie und Wein sowie der rasanten internationalen Ausdehnung auf mehr als 60 Destinationen habe man ein neues, breiteres Format benötigt.

Als Nachfolger präsentiert Michelin das redaktionelle Format "Mindful Voices". Gwendal Poullennec, internationaler Direktor des Guide Michelin, erklärte dazu:

"Mindful Voices wird all jenen eine Plattform geben, die die Regeln in ihren jeweiligen Bereichen neu schreiben."

Das neue Format soll Köche, Hoteliers und Weinproduzenten porträtieren – enthält jedoch kein offizielles Icon, keine Auszeichnung und keinen Stern. Aus einem Qualitätssiegel wird damit eine Storytelling-Rubrik.

Gescheitert an der eigenen Unschärfe

Dass der Grüne Stern von Anfang an auf tönernen Füßen stand, ist kein Geheimnis. Zunächst einmal basierten die Nachhaltigkeitsangaben der Restaurants auf Selbstauskünften – ohne unabhängige Überprüfung. Wer grün sein wollte, musste es vor allem selbst behaupten.

Hinzu kamen neue EU-Regulierungen: Mit der sogenannten "Empowering Consumers Directive" wurden Unternehmen verpflichtet, Nachhaltigkeitsaussagen vollständig und transparent zu belegen. Ohne ein wasserdichtes Prüfverfahren im Rücken war der Grüne Stern plötzlich rechtlich exponiert. Auf die Frage, ob diese EU-Gesetzgebung der entscheidende Grund für die Abschaffung gewesen sei, antwortete Michelin ausweichend: Man sehe sich "als global aufgestellte Organisation mit einer Vielzahl unterschiedlicher Regulierungen konfrontiert".

Ein Omen für das Ende der Wokeness?

Die Frage drängt sich auf: Ist das Ende des Grünen Sterns mehr als ein gastronomischer Verwaltungsakt? Tatsächlich reiht sich die Entscheidung in ein Muster ein, das in der Wirtschaft bereits seit einiger Zeit beobachtbar ist. In den USA haben sich mit Goldman Sachs, Wells Fargo, Morgan Stanley, der Citigroup, der Bank of America und zuletzt J.P. Morgan nahezu alle großen Geldinstitute aus der Net Zero Banking Alliance zurückgezogen – einem UN-Klimabündnis, das Banken auf das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 verpflichten sollte. Auch DEI-Programme (Diversity, Equity and Inclusion) werden in amerikanischen Konzernen serienweise abgebaut. Das Muster ist dasselbe: Unternehmen ziehen sich überwiegend still aus den ideologisch motivierten Praktiken zurück – und kehren zu pragmatisch motivierten Maßnahmen zurück.

Parallel dazu wandelt sich auch die öffentliche Debatte rund um Klimapolitik und Nachhaltigkeit. Seit jüngste Fachberichte die Katastrophenszenarien des IPCC zurückweisen, verliert die apokalyptische Rhetorik, die die Debatte seit dem Aufstieg von "Fridays for Future" dominiert hatte, an Rückhalt. Extrempositionen haben breite Bevölkerungsschichten eher abgestoßen als mobilisiert – und so schwindet auch die Marketing-Relevanz für Instrumente wie den Grünen Stern.

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